Jahr Null
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Ein Jahr Null gibt es im Christlichen Kalender und somit auch in unserer gegenwärtigen Zeitrechnung nicht.
Im römischen Zahlensystem existiert kein Symbol für die Null. Die sogenannten arabischen Ziffern wurden schon gegen Ende des 5. Jahrhunderts in Indien entwickelt und somit in etwa zeitgleich zu Dionysius Exiguus, der im Jahr 525 den Beginn der christlichen Ära für das Jahr 754 nach der Gründung Roms errechnete, dem vermeintlichen Jahr der Geburt Christi. Es dauerte aber etwa fünf Jahrhunderte (cf. Gerbert von Aurillac ) bis man in Europa vom "Konzept der Ziffer Null" überhaupt Kenntnis nehmen wollte und noch bis zur Renaissance bis die sogenannten arabischen Ziffern allgemeine Anerkennung, Verbreitung und Verwendung in Europa fanden.
Deshalb gibt es gegenwärtig – in der Zeitrechnung der Historiker – kein Jahr Null. Das hat zur Folge, dass zwischen dem 1. Juni 500 v. Chr. und dem 1. Juni 500 n. Chr. überraschenderweise nur 999 Jahre liegen. Dieses arithmetisch zumindest äußerst bedenkliche Ergebnis veranlasste die mathematisch geschulteren Astronomen des 18. Jahrhunderts zu einer eigenen, modifizierten Zeitrechnung.
Zwei verschiedene Jahre Null wurden bisher definiert und vorgeschlagen. Derzeit findet aber nur das "julianische Schaltjahr Null" tatsächliche Anwendung.
Die Astronomen rechnen seit 1740 mit einem Schaltjahr Null (= 1 v. Chr.), dessen Definition gemeinhin Jacques Cassini zugeordnet wird, jedoch scheint es, dass sein Kollege Philippe de la Hire in seinen astronomischen Tafeln schon einige Jahrzehnte zuvor mit einem Jahr Null rechnete. Somit hatte man endlich eine Chronologie, die auch ihren Namen verdient, mit einem logisch zwingenden Jahr Null. (Die christliche Ära selbst ist wohl eher als eine "Chronik" der Heiligen zu betrachten.) Diese astronomische Chronologie ist aber "astronomisch unkorrekt". Erstens, weil sie dieses Jahr Null als Schaltjahr definiert, zweitens für die Zeit vor dem 15. Oktober 1582 in Julianischen Jahren rechnet und drittens für die Zeit nach dem 4. Oktober 1582 in Gregorianischen Daten (cf. von Mädler). Dadurch kommt in dieser astronomischen Chronologie ein astronomischer Kalenderirrtum von bis zu einem ganzen Monat für die entfernte geschichtliche Vergangenheit und von immerhin plus minus einem Tag für die jüngste Vergangenheit und die nahe Zukunft zustande.
Vergleichstabelle zur Cassini-Chronologie
Die traditionelle geschichtliche Zeitrechnung entspricht dem römischen Kalender christlicher Zeitrechnung, benutzt aber trotz fehlendem Jahr Null das arabische Zahlensystem. Die traditionelle astronomische Chronologie besitzt dieses Jahr Null. Dem Jahr 1 v. Chr. entspricht das Jahr 753 seit der Gründung Roms.
| Modernes Datum | Geschichtl. Jahr | Astronom. Jahr | Christum natum 1 | ab urbe condita 2 | Lateinisches Datum | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 31. Dezember | 1 v. Chr. | 0 | = | I ante | DCC.LIII | pridie Kal. Ian. |
| 1. Januar | 1 (n. Chr.) | 1 | = | I post | DCC.LIV | Calendis Ianuariis |
Eine sehr umstrittene Festlegung schuf die Internationale Standard Organisation mit ihrer Norm ISO 8601:1988, übernommen 1992 von der EN 28 601. Diese weltweit gültige, aber – zumindest in diesem Teil – auch weltweit ignorierte Norm offizialisiert einen "proleptischen (rückwirkend gültigen) gregorianischen Kalender", dem sie ein Schaltjahr Null zuordnet. Dieses Jahr Null beginnt am 3. Januar 1 vor und endet am 2. Januar 1 nach Christus. Der tatsächliche gregorianische Kalender versteht sich aber, im Gegensatz zum Julianischen, als ausdrücklich nicht proleptisch.
Kritik der Norm ISO 8601
Astronomen kommen ohnehin nicht mit dem gregorianischen 400-Jahre-Zyklus zurecht, innerhalb dessen die Jahrhunderte ungleiche Längen haben. Astronomische Berechnungen brauchen notwendigerweise einen gleichförmigen Zeitablauf. Deshalb rechnen Astronomen auch heute zuerst und stets in julianischen Jahrhunderten, um dann ganz am Ende ihrer Berechnungen alle Daten nach dem 4. Oktober 1582 zum gregorianischen Stil hin zu korrigieren. Die Astronomen dieser Welt werden die Norm ISO 8601 = EN 28 601 daher aller Voraussicht nach nie anwenden.
Die Geschichtswissenschaft hat schon das julianische Jahr Null nie verwendet. Sie benutzt für diese Zeit den altbekannten, proleptischen, julianischen Kalender der christlichen Ära, also ohne Jahr Null. Somit ist auch nicht zu erwarten, dass die Historiker aller Welt die ISO Norm 8601 je umsetzen werden. Eine Umdatierung sämtlicher historischer Ereignisse, wonach etwa Gaius Julius Caesar statt am 15. März 44 v. Chr. jetzt plötzlich am 13. März des Jahres -43 (in ISO-Schreibweise: -0043-03-13) ermordet wurde, würde sicher nur heillose Verwirrung stiften.
Im Computerbereich werden Datums-Formate immer in Bezug auf einen bestimmten Zeitpunkt umgerechnet. Heute ist das zumeist der 1. Januar 1970, 00H00 UTC (UNIX Standard). Somit besteht auch in der Informatik kein Bedarf an einem "proleptischen gregorianischen Kalender mit einem Jahr Null".
Siehe auch: Zeitenwende, Kalender, Christliche Zeitrechnung, Julianischer Kalender, Kalender (Römisches Reich), Zaunpfahlproblem
Jahreskalender: 1. Jhdt v. Chr. & 1. Jhdt n. Chr. ; Dekaden: 0er Jahre v. Chr. & 0er Jahre n. Chr. ; Jahre: Jahr 1 v. Chr. & Jahr 1 n. Chr.
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